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Problem einer Freundin

Dieses Thema im Forum 'Gewalt und Missbrauch' wurde von Rolando gestartet, 31 März 2010.

  1. Rolando

    Rolando New Member

    Hallo zusammen,


    Ich weiss, dass ist ein sehr langer Text. Ich würde mich trotzdem freuen, wenn ihr ihn lest und versuchen würdet mir dabei zu helfen. Ich habe damit keine Erfahrung und weiss nicht, was ich machen soll.

    Ich habe mit einer sehr guten Freundin (Alter ca. 22) gechattet. Sie hatte mir vor einer Weile von einem Mann erzählt, den sie kennen gelernt hatte und für den sie Gefühle hegte.
    Ich erkundigte mich danach, wie es mit dem jungen Mann laufen würde und sie sagte sinngemäß, dass es eigentlich schon wieder gelaufen sei. Sie habe einfach ein Problem mit Beziehungen und sie bleibt jetzt erstmal Single. (Ähnliches hatte sie schon einmal vor ca. 3 Monaten gesagt) In ihrem Bekanntenkreis würden auch einige meinen, sie sollte deswegen vllt. in Therapie gehen. Dies hatte sie mit einigen Smilies belächelt.
    Sie wüsste einfach nicht woran es liegt.
    Aufgrund der kleinen Psychoanalytischen Basics, die ich mir aufgrund meiner Arbeit selbst zuschreibe, habe ich ihr angeboten, mit ihr zusammen da mal nachzuhaken. Vllt. würden wir auf den Grund dieser "Beziehungsunfähigkeit" kommen. Dem willigte sie ein und ich stellte ihr ein paar Fragen.
    Dabei kam heraus, dass sie negative Erfahrungen mit körperlicher Nähe gemacht habe. Darauf wollte sie aber nicht weiter eingehen. (Wichtig hierbei ist, dass wir uns eigentlich immer alles offen und ehrlich sagen. Bisher jedenfalls). Sie fügte dann auch gleich hinzu, dass sie sich schon selbst kuriert habe und es ihr damit gut gehe. Ich empfohl ihr dennoch die Internetseite von Wildwasser. Da ich selbst schon in der Einrichtung in der ich ein paar Jahre gearbeitet hatte, gute Erfahrungen mit Wildwasser gemacht habe. Und auch der Meinung bin, dass eine Selbstheilung einem Sechser im Lotto gleich kommt.

    Sie versuchte interessanter Weise nicht das Thema zu wechseln und bat um weitere Fragen um auf die Lösung ihres Problems zu kommen. Da ich hier nicht das ganze Gespräch zitieren möchte, hier die sinngemäße Zusammenfassung: Wir kamen immer wieder, durch die Beantwortung der Fragen, auf das Thema "körperliche Nähe / emotionale Intimität". Für mich persönlich, ist der Zusammenhang mit dem Tabuthema etwas weiter oben offensichtlich. Es springt einem förmlich ins Gesicht. Sie fühle sich sehr unwohl, wenn sie mit jemandem kuscheln würde oder wenn ihr jemand sagen würde, was er für sie empfindet. Sie halte halt nichts von sich selbst und ihr sei es unangenehm, wenn jemand das Gegenteil behaupten würde.

    Sie erklärte sich das Ganze so, dass sie einfach nur ihre Freiheit genießen will. Und Freiheit gäbe es in einer Beziehung nicht. Ich widersprach ihr da, da ich oft schon andere Erfahrungen gemacht hatte.
    Dem setzte sie entgegen, dass man in einer Beziehung immer vorher nachdenken muss, bevor man etwas sagt. Man habe nicht die Freiheit zu handeln und zu reden wie man will.
    Dies konnte ich nicht ganz nachvollziehen und erzählte ihr von meinen Beziehungen, in denen ich mit meiner Partnerin über alles reden konnte, ohne mir vorher den Kopf zu zermartern.
    Dem brachte sie entgegen, dass sie dieses nicht so machen könnte. Sie würde ständig Menschen verletzen, mit dem was sie sage.
    Da ich das überhaupt nicht nachvollziehen konnte, bat ich darum, dass sie mir etwas sage ohne darüber nachzudenken. Etwas von dem sie vermuten würde, es würde mich verletzen.
    Sie sagte, dass das nicht gehen würde, da ich ja keine Beziehung mit ihr will.
    [Und nun wird es Interessant]
    ich sagte ihr, dass das so nicht ganz stimmen würde. Sie übe schon eine gewisse Anziehung auf mich aus, aber ich so wie ich die Situation einschätze, wäre dies eh vergeudete Mühe aufgrund der Distanz und da sie auch nicht den Eindruck machen würde, als ob sie Interesse an mir hätte. Also habe ich mich mit der Situation abgefunden und genieße einfach die Gespräche mit ihr.
    Es folgte eine kurze Pause. Dann schrieb sie einen riesen Text. Es würde sie sehr viel Kraft kosten, jetzt nicht den PC auszumachen und schlafen zu gehen. Denn das würde sie jetzt am liebsten tun. Und sie würde auch bei jedem Turnier auf dem wir uns sehen einen Bogen um mich machen und sich nie wieder mit mir unterhalten wollen. (Der Text war gespickt mit Flüchtigkeitsfehlern/Rechtschreibfehlern. Sie muss ordentlich in die Tastengehauen haben und sehr unter Druck gestanden haben)
    Sie schrieb, dass das was ich ihr geschrieben hatte unbeschreiblich unangenehm für sie sei. Sie hätte einen sehr hohen Puls und würde die ganze Zeit nur denken "weg!"
    Ich versuchte sie zu beruhigen, sagte ihr sie sei bei sich zu hause, sie sei sicher und alles sei gut.
    Worauf sie antwortete, dass nichts gut sei. Sie würde auf ihrer Couch sitzen und weinen und wütend sein und, dass sie so nicht ist. Sie weint nicht, sie ist nicht wütend. Niemand sollte das eigentlich wissen, dass sei ihr Ding und niemand dürfte jemals davon erfahren.
    Sie bat mich darum, alles zu vergessen, was sie an diesem Abend geschrieben habe.
    Alles sei jetzt schon wieder besser. Ich habe ihr darauf geantwortet, dass ich das nicht aus meinem Gedächtnis löschen könne und ich weiter darüber nachdenken würde, da die Situation Unbehagen in mir ausgelöst habe. Ihrer Meinung sei dies unnötig. Sie sei nicht traumatisiert oder ähnliches und es sei alles halb so wild.


    So. soweit zur Situation.
    Ich persönlich denke, dass nicht alles gut ist. Ganz im Gegenteil. Meine Vermutung ist, dass sie Angst vor emotionaler Intimität hat und über ein negatives Selbstbild verfügt. Man sieht sie stehts nur gut gelaunt und lachend durch die Gegend laufen. Meiner Meinung nach, ist dies kein Normalzustand, sondern eine Schutzfunktion, welche sie sich angeeignet hat um von sich selbst abzulenken. Abzulenken von dem wahren ich, von dem sie ja nichts Gutes hält.
    Ich glaube, dass es sich dabei um eine Traumatisierung handelt, welche ihr Körper mit Verdrängung behandelt hatte. Die Vermutung, dass dies durch sexuelle Gewalt zustande kam, liegt nicht allzu weit.

    Die Frage die sich mir nun stellt und auf die ich keine Antwort weiss ist.
    Wie jemandem helfen, der ein Problem hat, dieses aber nicht sieht. Lässt man Menschen an ihren Problemen kaputt gehen, wenn man davon weiss. Kaputt insofern, dass sie nie eine Beziehung führen kann. So sehe ich ihre Zukunft jedenfalls. Ich will da jetzt keine Grundsatzdiskussion auslösen ob zu einem gesunden Leben eine Beziehung gehört oder nicht.
    Soll ich ihr helfen?
    Darf ich ihr helfen?
    Wie kann ich ihr helfen?


    Über produktive Antworten würde ich mich mehr als freuen

    Gruß
    Rolando
  2. Neelix1965

    Neelix1965 German "Soapboxer"

    AW: Problem einer Freundin

    Hallo Rolando,
    bevor ich versuche deine Fragen zu beantworten, möchte ich vorausschicken, dass ich kein Psychologe bin.

    So schwer es dir auch fallen mag, ich glaube nicht, dass du ihr helfen kannst. Dies ist nicht auf deine Eignung bezogen sondern auf ihre Bereitschaft bzw. Unwillen sich helfen zu lassen.

    Zu nächst ein mal: Sicher lassen deine Schilderungen ihres Verhaltens den Schluss zu, es läge eine sexuell motivierte und in der Kindheit erfolgte Gewalt/Misshandlung vor. Dies ist aber nicht die einzige Erklärung.

    Möglich wären außerdem (aus meiner laienhaften Sicht):

    • Fehlgeleitete Erziehung, zu strenges Elternhaus (im Sinne von lieblos nicht im Sinne von Misshandlung im strafrechtlichen Sinn)
    • Hormonelle bzw. sonstiges körperliches Ungleichgewicht (Ich habe z.B. vor Jahren mal von einer Frau gelesen, die sich scheiden lassen musste bzw. kurz davor stand, weil sie der Schweißgeruch ihres Partners krank machte.
      Ich könnte mir auch vorstellen, dass ihre Körperchemie ihr bei Berührungen Probleme/Schmerzen verursacht und dies sich über die Jahre zu einer psychischen Belastung entwickelte.
    • Es könnte auch an einem sehr traumatischen und somit "vergrabenen" Erlebnis und damit einhergehender Verlustangst liegen.
    • oder oder oder
    Das Problem, das ich sehe, ist:
    Aus welchem Grund auch immer, heute hat sie das von dir beschriebene Verhalten und Probleme. Deiner Schilderung entnehme ich darüber hinaus, dass sie - aus welchen Gründen auch immer - zu den Menschen gehört, die schlecht Hilfe annehmen können. Auch dies kann mehrere Ursachen haben: (übersteigerte) Anforderungen an sich selbst, Gefühl des Ausgeliefert sein, (Angst vor) Kontrollverlust oder einfach eine Komponente ihres Charakters.

    Ich selbst gehöre zu den Menschen, die schlecht Hilfe annehmen können - sofern ich sie nicht erbeten habe und sie mir - sozusagen - aufgezwungen wird. Allerdings weiß ich um dieses Problem, bin mir der Gründe bewusst und habe Methoden entwickelt, damit umzugehen bzw. dieses Problem zu umgehen (beispielsweise, in dem ich Personen die mir ungefragt helfen wollen, darauf hinweise).

    Wenn deine Bekannte zu diesem Menschenschlag gehört, wären alle Versuche deinerseits ihr zu helfen ... kontraproduktiv.

    Eine zweite Überlegung drängte sich mir auf beim Lesen deiner Schilderungen: Ihr Verhalten mag mittlerweile eine sucht-artige Qualität angenommen haben (womit ich nicht andeuten will, es könnte ihr gefallen). Wenn dem so ist, wäre das falscheste was du tun kannst ihr (ungefragt) zu helfen.

    Ein "Süchtiger" muss selbst den Wunsch haben sein Suchtverhalten abzulegen. Sonst hat er nicht die Motivation davon los zu kommen. Jede 'Hilfe' würde es ihm nur ermöglichen sich weiter zu verstecken ... hinter einem neuen Schutzverhalten (beispielsweise exzessive Kontakte zum anderen Geschlecht oder Verschweigen von Problemen). In diesem Fall spreche ich aus Erfahrung: Mein Vater war zeit seines Lebens Alkoholiker (Spiegeltrinker) und schaffte es erst Anfang der Neunziger sich zu "entwöhnen" ... ca. 10 Jahre vor seinem Tod (in Folge bzw. wg. Demenz/Korsakov-Syndrom).
    So schwer es dir auch fällt - wenn ich richtig liege, musst du sie "fallen lassen" bis sie "ganz unten" ist.

    Die einzige Möglichkeit, die ich derzeit sehe, liegt darin, für sie da zu sein, ihr klar zu machen, dass du da bist - aber nicht von ihr erwartest, ihr Verhalten zu ändern ... und gleichzeitig ihr verdeutlichen, dass du ihr helfen willst ... falls und sobald SIE will.

    Sollte es dazu kommen, dass sie bereit ist Hilfe anzunehmen, noch ein Tipp: Achte darauf, dass deine Hilfe ihr nicht die "Arbeit" abnimmt. Wenn sie 'gesunden' will/soll muss SIE die Probleme angehen ... dein Part wäre ehr der eines "Airbags" oder Richtungweisers bzw. der 'Tür' die verhindert, dass sie wieder zurück geht.

    Ich hoffe, dass du ihr irgendwann helfen kannst ... wenn/sobald sie es zulassen wird.
  3. Enma Ai

    Enma Ai Schattenaktivist

    AW: Problem einer Freundin

    Ein sehr guter Beitrag Neelix! Leider ist es so, dass man niemandem helfen kann, der keine Hilfe möchte. Wenn es bei den Leuten nicht selber "Klick" macht, wird auch der beste Psychologe der Welt nichts ausrichten können.

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